Historie
Im Jahre 1909 begründete Carl Blersch, späterer Obermeister der Hamburger Drechslerinnung von 1375 (der ältesten Handwerksinnung Deutschlands), im Hinterhaus Schulweg 26 eine Drechslerwerkstatt. Damals trieben noch breite Lederriemen über eine Transmission die Drehbänke an, Kegelkugeln wurden von Hand exakt gedreht, hölzerne Gewinde von Hand an der Drehbank gestrählt, Schellack und Bimsmehl waren noch in Gebrauch. Knochenleim stand immer griffbereit im Wasserbad. Schachfiguren aus Bein wurden gedreht und mit kunstvoll geschnittenen Gewinden mit 2-3 Gewindegängen zusammengesetzt.
Material war damals kostbar, eine tägliche Arbeitszeit von bis zu 13 Stunden nichts außergewöhnliches. Vier Drechslermeister in Folge sollten bald 100 Jahre lang gegen die Späneberge ihrer Arbeit ankämpfen, deren größter Teil im Späneofen in Wärme umgesetzt wurde. Viele laufende Kilometer an Beinen, Sprossen, Stäben, Stangen, Pfosten, Säule und Stöcken wanderten im Laufe der Jahrzehnte in die Stadt Hamburg, auf ihre Schiffe, ihr Umland und auch nach Übersee. Ungezählte Kubikmeter Holz sollten in vielfältige Formensprache umgesetzt und unterschiedlichsten Geschmäckern und Entwürfen nach gefertigt, das Auge des Auftraggebers erfreuen.
Die Materialien wandelten sich. Elfenbein verschwand und wurde durch Bein ersetzt, Silber durch Aluminium. Acryl, Plexiglas, Kunstharze, Polyamid und Plattenwerkstoffe bis hin zu MDF und Multiplex und Styropor gesellten sich zu den althergebrachten Hölzern aller Provenienzen.
Lernte einst ein Meisterprüfling noch die Zurichtung eines Löffelbohrers (die Langlochbohrmaschine des Drechslers in mitunter gewaltigen Dimensionen), das „Anlassen“ und Härten im Wasserbad, schärfte und schränkte er seine Bandsägeblätter noch selbst, so ist seit 2003 eine Meisterprüfung nicht mehr erforderlich.
Damals wie heute und so auch in Zukunft bleibt uns die innere und äußere Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz. Es bleibt die Suche nach der guten Form, der durchdachten Proportionierung. Es bleibt die Kommunikation zwischen Mensch und Stoff und es bleibt die Anforderung, dass die geschaffenen Dinge nicht nur für sich, sondern zu den Menschen sprechen. Ihr Optimum in Form, Funktionalität und Haptik verschafft uns Menschen Atmosphäre, sinnliche Befriedigung und geistige Ansprache.
Eben die Summe all dessen, was eine handwerkliche Arbeit zu einem Kulturgut erhebt.
